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Vor dem Fasten flüchten… Geht das?

In Alle Artikel, Gesellschaftliches, Wissenschaftliches by gedemi

Autor: Ali Taleb Abdallah

Im Namen Allahs

Viele wundern sich, dass es erlaubt ist, absichtlich im Monat Ramadhan eine religionsrechtliche Reise zu vollziehen, das Fasten auf Reise zu brechen und wieder nach Hause zu fahren. Sie fragen: Wie kann das sein? Allah sieht doch alles und weiss, was die Absicht ist.

Erlaubt mir auf dieses Thema etwas detaillierter einzugehen, da es wichtig ist.

Die religionsrechtliche Perspektive:
Es ist tatsächlich so, dass es nach der Meinung der allermeisten Gelehrten aus der Schule der Ahlulbait (a.s) erlaubt ist, vor dem Fasten zu flüchten. Hierzu muss man lediglich eine religionsrechtliche Reise unternehmen, in der man sein Fasten bricht. Ist Jemand bspw. in Köln, so kann er bspw. zu einer Stadt reisen, die mehr als 22,5 Km von der Stadtgrenze Kölns entfernt ist, auf dieser Reise sein Fasten brechen und dann wieder nach Hause fahren. Allerdings ist das Reisen in den ersten 23 Tagen des heiligen Monats  verpönt, es sei denn es gibt einen religionsrechtlich relevanten Grund hierfür.

Zur Erklärung dieses Urteils sei darauf hingewiesen, dass das Fasten laut den vorliegenden Beweisen aus dem Koran und der Sunnah seines Propheten (s.a) nur dann zu einer Pflicht wird, wenn man nicht auf einer religionsrechtlich erlaubten Reise ist. Ist man auf einer religionsrechtlich erlaubten Reise, dann gibt es keinen göttlichen Befehl zu fasten. Mehr noch: Man DARF nicht fasten.

M.a.W. damit überhaupt ein göttlicher zum Fasten verpflichtender und das Fasten erlaubender Befehl zustande kommt, darf der Mensch in der Regel nicht auf Reise sein.

Ähnlich zur Pilgerfahrt: Wenn man die Bedingungen der Verpflichtung zur Pilgerfahrt nicht erfüllt hat,  muss man nicht pilgern. Pilgert man, dann zählt diese Pilgerfahrt auch nicht. Und es ist auch nicht verpflichtend darauf hin zu arbeiten, dass man die Bedingungen erfüllt. Das wäre absurd, denn der Befehl zu pilgern, entsteht erst dann, wenn man kann. Also gibt es keinen Befehl zu pilgern, wenn man nicht kann.

Das war die religionsrechtliche Perspektive. Wenn man jedoch über so ein Thema spricht, müssen wir auch die moralische Perspektive berücksichtigen.

Die moralische Perspektive:
Das Religionsrechtliche ist dazu da, um einen Rahmen für die Ausführung und das Ausleben der Religion zu liefern. Es spielt die Rolle einer Struktur, die noch mit Inhalt gefüllt werden muss, damit es überhaupt Sinn ergibt.

Wenn wir uns bspw. die Gesetze der Ehe im Islam anschauen, dann merken wir, dass diese immer missbraucht werden können, ohne dass der Mensch direkt dafür belangt werden kann.

So kann die Frau sagen, dass sie nicht verpflichtet ist, zu kochen, zu putzen oder im Haushalt zu helfen. Sie hat gewisse Pflichten gegenüber dem Mann, das kann sie erfüllen und darüber hinaus, macht sie nichts.

Auch der Mann kann diese Schiene fahren und diese Keule verwenden, indem er darauf beharrt, das Mindeste zu erfüllen, wozu er verpflichtet wurde. So eine Ehe basiert aber auf trockenen Gesetzen. Probleme sind vorprogrammiert. Vielmehr gibt es eine Dimension, die nicht rechtlich erfasst werden kann oder soll. Es gibt einen Rahmen, den Allah seinen Dienern gegeben hat und in dem sie sich bewegen können. Sie können unter Beweis stellen, dass sie von sich aus, Dinge machen, zu denen sie nicht verpflichtet sind. Auf der einen Seite kommt dadurch jeder weiter, weil er eigentlich opfert und von sich aus gibt, was seinem Charakter sehr gut tut. Auf der anderen Seite führt dies zu gegenseitigem Respekt und beidseitiger Achtung unter den Ehepartnern.

Und so ist auch, was das Fasten betrifft. Mann kann immer nach Gesetzeslücken suchen, um sich das Leben einfacher zu machen aber dabei verpasst man das Eigentliche und den Zweck des religiösen Gesetzes. Das religiöse Gesetz ist dazu da, damit es uns den Weg weist. Wir aber müssen den Weg gehen. Wir müssen erkennen, was das Fasten für eine Bedeutung hat. Wir müssen erkennen, dass der Fastenmonat ein Segen ist. Dass es eigentlich für uns ist. Wir sind jene, die Nutzen davon ziehen. Wir sind jene, die dadurch weiterkommen. Wir sind jene, die die Gottesfurcht erlangen würden. Wir sind jene, die das göttliche Licht und die Erkenntnis erlangen würden. Wenn wir also vor dem Fasten flüchten, dann flüchten wir vor dem Segen und dem Licht und verpassen so viele Gelegenheiten, damit wir den Anschluss finden, den Anschluss an einer gesunden und gottgefälligen Lebensweise.

Nochmal zum Religionsrechtlichen:
Natürlich sind Fälle vorstellbar, wo die Reise an sich vernünftig ist, auch wenn es als Flucht gilt. Bspw. gibt es Fälle, wo man vor einem bestimmten Übel flüchtet. Bspw. Jemand hat eine Durstkrankheit aber ist sich nicht sicher, ob er jetzt aushalten kann oder nicht. Damit er sein Gewissen befreit, reist er, trinkt, und kommt zurück. So ein Mensch will eigentlich fasten, weiss nicht, ob er entschuldigt wäre, wenn er sein Fasten bricht, da er seine Krankheit nicht richtig einordnen kann. Daher reist er aus Vorsicht. Er würde Zuhause nicht normal essen und trinken, wenn er zurückkommt. Er würde lediglich das was er braucht zu sich nehmen, damit er nicht in großem Bedrängnis kommt.

Hier ist es gut zu erwähnen, dass man allgemein nicht wie sonst essen sollte, wenn man entschuldigt ist und nicht fasten muss (weil man z.B. auf Reise oder krank ist). Dies ist religionsrechtlich verpönt. Und allein aufgrund des Respekts, den wir dem heiligen Monat zollen sollten, sollten wir das unterlassen.

Möge Allah euer Fasten annehmen

Ali Taleb

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