Kostenlosmentalität GDM

Über die Kostenlosmentalität bei vielen Schiiten (Teil 2)

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Autor: Bruder Sajjad

Da der erste Artikel zu diesem Thema erfreulicherweise eine interessante Diskussion unter den Geschwistern ausgelöst hat, ist auch ein zweiter Teil zur „Kostenlosmentalität bei vielen Schiiten“ notwendig geworden.

Es sei aber zunächst einmal allgemein erwähnt, dass derzeit zahlreiche Schwierigkeiten innerhalb der muslimischen Community vorherrschen, mit denen wir uns zu beschäftigen beginnen müssen, weswegen ich in Zukunft noch weitere Artikel über diese Angelegenheiten schreiben werde. Manchmal mögen im Zuge dessen wunde Punkte angesprochen werden, aber diese müssen nun einmal erst lokalisiert werden, bevor man sie behandeln kann. Hierbei kann es Themen geben, die die Muslime als Ganzes betreffen, oder aber auch Themen, die vermehrt für eine Teilgruppe der Muslime relevant sind, was nicht bedeutet, dass die anderen überhaupt nicht davon betroffen sind.

Wenn also von der Kostenlosmentalität bei vielen Schiiten die Rede ist, dann bedeutet dies keineswegs, dass so eine Problematik bei anderen Muslimen oder anderen Religionen überhaupt nicht vorhanden wäre. Gleichzeitig heißt es natürlich auch nicht, dass jeder Schiite diese Eigenschaft aufweist. Aber nach jahrelanger Erfahrung mit islamischer Gemeindearbeit kann man durchaus Erscheinungen benennen, die vermehrt für die eine oder andere Richtung zutreffend sind. Und ja, es gibt einige Verhaltensweisen diesbezüglich, die bei unseren sunnitischen Geschwistern kaum vorhanden sind, was jeder bestätigen wird, der sowohl mit Sunniten als auch mit Schiiten in Kontakt steht, weswegen es unpassend wäre, sie als Hauptadressaten dieses Artikels mit einzuschließen.

Heute ist es beispielsweise keine Besonderheit, wenn bei Veranstaltungen, die von sunnitischen Geschwistern organisiert werden, Teilnahmegebühren erhoben werden. Oft sind diese Events sehr gut besucht, meist sogar sehr schnell ausgebucht. Anders ist es bei vielen Schiiten. Wagen diese sich, eine Teilnahmegebühr zu erheben, was ohnehin sehr selten vorkommt, können sie sich darauf einstellen, penibelst ausgefragt zu werden, wie diese Gebühr zustande gekommen ist. Einige potenzielle Teilnehmer wähnen sich gar in einem orientalischen Bazar, wollen mit bestem Verhandlungsgeschick paar Euros runterhandeln. Andere wiederum greifen zur Verleumdung und werfen den Organisatoren Gier vor; fragen sich, wie der Organisator XY sich plötzlich eine neue Hose leisten konnte…. 

Es kommt übrigens viel zu kurz, solch ein Verhalten mit dem „Ausländertum“ zu erklären (unabhängig davon, dass nicht jeder Muslim automatisch ein Ausländer ist). Dieselbe Person feilscht ja auch nicht im Kino mit dem Ticketverkäufer oder bittet den Schischabarbsitzer um Rabatt für seine Wasserpfeife. All das wird anstandslos bezahlt, meist sogar ein Trinkgeld draufgelegt, aber wenn es um religiöse Angelegenheiten geht, dann gehen die Diskussionen los, denn man erwartet automatisch, dass dies kostenlos sein muss.

Wie ich bereits im ersten Artikel angemerkt habe, ist auch das mit dem Essen und den schiitischen Veranstaltungen eine sehr sensible Fragestellung. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die Gäste einer Veranstaltung, soweit die Finanzen dafür vorhanden sind, kostenlos verpflegt werden. Dies aber fast zu einem unveränderlichen Dogma zu erheben, wird der Thematik nicht gerecht. Auch hier können wir nämlich beobachten, dass viele sunnitische Muslime bei ihren Großversammlungen, wie bspw. dem Freitagsgebet, keine kostenlosen Essenspakete verteilen, sondern kleine Snacks wie türkische Pizza und Börek verkaufen. Die Gläubigen kaufen diese Speise sogar oft mit besonderer Freude, um ihre Moschee unterstützen zu können. Bei den meisten schiitischen Gemeinden eine undenkbare Vorgehensweise, wovon auch unser Verein ein Lied singen kann. Denn bei unseren wöchentlichen Freitagstreffen gibt es einen Essensverkauf, wofür es oft scharfe Kritik und bissige Bemerkungen hagelte. Von einigen wird diese Vorgehensweise quasi als eine Erneuerung betrachtet, schließlich gibt es ja auch im Irak/Iran/Libanon vor den Moscheen keinen Essensverkauf. Bei einer solchen Argumentation wird jedoch außer Acht gelassen, dass jeder Ort seine eigenen Gegebenheiten hat und man die Situation im Orient nicht eins zu eins nach Deutschland übertragen kann.

Teilweise ist es sogar so weit gekommen, dass selbst eine Handlung wie das Rumreichen einer Spendenbox bei einigen schiitischen Geschwistern zu spitzen Kommentaren oder gar Empörung führen kann. Etwas, was in allen anderen Glaubensgemeinschaften ganz natürlich ist, wird bei ihnen als eine Art Beleidigung aufgefasst. Leider ist es so, dass solche Zustände keine Ausnahme sind, sondern man im Gespräch mit anderen Verantwortlichen immer wieder ähnliche Beschreibungen vernimmt. Mir ist in diesem Zusammenhang ein Bruder in Erinnerung geblieben, der bereits vor einigen Jahren davon berichtete, dass sie von 60 Familien keine 600 Euro Miete zusammenbekämen, um die Miete ihrer Räumlichkeiten zu bezahlen. 

Es kann sein, dass viele Geschwister gerade deshalb so verwundert reagieren, weil sie über diese Situation nicht im Bilde gewesen sind. Genau deswegen ist es auch notwendig, dass sie darüber aufgeklärt werden, damit die Kostenlosmentalität überwunden werden kann. Es geht jetzt wohlgemerkt auch nicht um das andere Extrem, dass bei jeder einzelnen Veranstaltung eine Teilnahmegebühr verlangt wird oder dass das Essen niemals kostenlos verteilt werden soll. Es geht vielmehr einerseits um eine gewisse Erwartungshaltung, die bei vielen Geschwistern vorhanden ist, weswegen die Dinge nicht geschätzt, sondern vielmehr als selbstverständlich betrachtet werden. Andererseits geht es darum, dass, wenn mal eine Gemeinde eine Teilnahmegebühr für eine Veranstaltung erhebt oder einen Essensverkauf anbietet, dies nicht direkt als eine Art Kapitalverbrechen gegen die Religion betrachtet wird. Denn wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, es ist letztendlich wichtig, eines zu verstehen: Was nichts kostet, das ist nichts wert.

Euer Bruder Sajjad

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