Seid ihr Schiiten!?

Seid ihr Schiiten!?

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Autor: Bruder Sajjad

Im Namen des Erhabenen

Als die Gemeinschaft der Mitte gegründet wurde, nahmen wir uns fest vor, dass in unserer Räumlichkeit Muslime verschiedenster Konfession herzlich willkommen sein sollen. Jeder soll sich wohlfühlen, niemand ausgeschlossen werden. Konsequenterweise haben wir immer versucht, eine größtmögliche Menge von Muslimen zu unseren Treffen und Veranstaltungen einzuladen. Die verbindenden Elemente sollten der Islam und die deutsche Sprache sein, so dass auch keine herkunftsbasierten Schranken vorherrschen würden.

So weit und so schön die Theorie. Die Praxis spricht aber eine andere Sprache.

Grundsätzlich ist das Konzept „Islam in deutscher Sprache“ ein großer Erfolg und unsere wöchentlichen Treffen und auch Großveranstaltungen sind sehr gut besucht. Zudem sind die Geschwister auch verschiedenster Herkunft, so dass wir auch aus dieser Hinsicht von der Vielfalt profitieren können.

Dennoch gibt es eine bedauerliche Erscheinung, die oft an eine bestimme Frage gekoppelt ist. Die Grundfrage lautet: „Seid ihr Schiiten?“ Diese Grundfrage kann verschiedene Wortfolgen- und Kombinationen annehmen, die jeweils ihre eigene Note hat. Hier einige Beispiele: „Seid ihr etwa Schiiten?“; „Ihr seid doch nicht etwa Schiiten oder?“; „Sagt bloß, dass ihr Schiiten seid?“ usw.

Hierbei wurde der traurige Höhepunkt der „Seid ihr Schiiten?“-Angelegenheit vor kurzem erreicht. Eine Schwester meldete ihre Kinder hocherfreut und mit großem Dank an unserem Einschulungsspezial für muslimische Kinder an. Nach einigen Tagen fragte sie uns dann (höflich), ob wir Schiiten seien. Wenn dies stimmen sollte, würde sie ihre Kinder von der Veranstaltung wieder abmelden.

Ein wenig erinnert mich die Frage an die, die oft in Formularen im Krankenhaus oder beim Arzt gestellt wird: „Sind sie frei von ansteckenden Krankheiten?“ Der künftige Umgang mit dem Patienten hängt von der Beantwortung dieser Frage ab. Ist man Schiite, muss man gemieden werden, wie jemand, der an Ebola erkrankt ist. Ob der Gesandte Allahs (s.) mit dieser Situation einverstanden wäre, dass Muslime auf diese Weise miteinander umgehen? Sollen wir einander meiden, als hätte die eine Seite die Pest und die andere Seite die Cholera?

Gerade die aktuelle Weltsituation erfordert es mehr denn je, dass wir Muslime der Spaltung entgegentreten und uns nicht durch so etwas aufhalten lassen. Ja, in den unterschiedlichen Richtungen des Islams gibt es einen verschiedenen Blick auf einige Themen. Es kann sein, dass die eine Richtung ihren Schwerpunkt auf diese Fragestellung legt und die andere Richtung auf eine andere. Solange wir aber einander mit Respekt begegnen, sollte dies aushaltbar sein.

Wir von unserer Seite können nur sagen, dass wir das Gefühl haben, als sei ein Teil unserer Familie nicht anwesend, wenn die sunnitischen Geschwister unseren Treffen, aus welchen Gründen auch immer, fernbleiben. Ihr seid herzlich willkommen bei uns.

Einen gesegneten Freitag wünsch euch

euer Bruder Sajjad

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