Muawiyya

Muawiya war nicht „der Onkel der Gläubigen“

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Autor: Bruder Sajjad

Im Namen des Erhabenen

Leider bezeichnen auch heute noch einige unwissenden oder verblendeten Personen den Gewaltherrscher Muawiya bin Abu Sufyan als Khalul Mu’minin (Onkel der Gläubigen). Dieser Titel hat seinen Ursprung in der Propaganda der ummayadischen Herrscherdynastie und kann keine Grundlage aufweisen.

Es stellt sich die Frage, weshalb er überhaupt solch einen Titel erhalten hat. Dadurch, dass sein Kalifat keine Berechtigung hatte, musste ihm anderweitig eine religiöse Legitimation verliehen werden. Ein solcher Titel gibt seiner Person eine größere Bedeutung und verleiht diesem auch einen gewissen Machtanspruch. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Muawiya auch bei den sunnitischen Geschwistern nicht als einer der rechtgeleiteten Kalifen (Khulafa ar-rashidin) gilt.

Welche Argumentation wurde aber herangezogen, damit Muawiya ein solcher Titel verliehen werden konnte?  Diese Frage soll folgend beantwortet werden.

Muawiya war der Halbbruder von Umm Habiba (ihr gemeinsamer Vater war Abu Sufyan). Umm Habiba wurde später eine der Ehefrauen des Propheten Gottes Muhammad (s.). Die Ehefrauen des Propheten werden im koranischen Kontext als „Mutter der Gläubigen“ bezeichnet. Die Grundlage hierzu findet sich in folgendem Vers:

„Der Prophet steht den Gläubigen näher als sie sich selber, und seine Frauen sind ihre Mütter. […]“ ( 33:7)

Dadurch, dass Muawiya der Halbbruder von Umm Habiba ist, wurde nun der Titel „Onkel der Gläubigen“ in Umlauf gebracht. Mit dieser Bezeichnung wollte man die Stellung seiner Halbschwester Umm Habiba ausnutzen, um eine emotionale Bindung der Ummah zu Muawiya herzustellen, damit dieser fester im Sattel des Kalifats sitzt.

Dieser Titel hat also keine koranische Basis und findet ebenfalls keine Grundlage in der prophetischen Tradition. Er wurde lediglich später erfunden, um seinen Rang künstlich zu erhöhen.

Dass lediglich ein Vorwand vorgebracht wurde, um Muawiyas Stellung in der muslimischen Gemeinschaft zu verbessern, wird deutlich, wenn man betrachtet, ob selbe Argumentation auch auf andere Personen gleicher Familienkonstellation angewandt wird.

Muhammad bin Abu Bakr war der Halbbruder von Aischa (ihr gemeinsamer Vater ist Abu Bakr). Aischa gilt laut den sunnitischen Geschwistern und auch  jenen, die Muawiya diesen Titel geben, als die Lieblingsfrau des Propheten Muhammad (s.). Gleichzeitig hat Abu Bakr bei selben ebenfalls einen weitaus höheren Rang als Abu Sufyan (dort gehört er zu den rechtgeleiteten Kalifen). Dennoch ist nicht bekannt, dass Muhammad bin Abu Bakr als „Onkel der Gläubigen“ bezeichnet wird. Das zeigt auf, dass der genannte Titel Muawiyas gezielt für ihn in Umlauf gebracht worden ist.

Interessant ist auch, dass Muhammad bin Abu Bakr im Gegensatz zu Muawiya ein treuer Gefährte Imam Alis (a.) gewesen ist. Dies führte dazu, dass Muawiya zu Zeiten des Kalifats Imam Alis (a.) mit einer Armee Muhammad bin Abu Bakr angriff, der damals Gouverneur in Ägypten gewesen ist. Muhammad wurde besiegt und sein Leichnam auf das Übelste geschändet. Auch hier wird deutlich, weshalb Muawiya unter schlechteren Bedingungen hinsichtlich seiner Familiensituation einen solchen Titel erhielt, während Muhammad bin Abu Bakr eine solche Anrede verwehrt wurde.

Auch andere Personen, die Brüder der  Ehefrauen des Propheten waren, wurden nicht als „Onkel der Gläubigen“ bezeichnet. Die Brüder von Hafsa (Tochter Umars, des 2. Kalifen) Abdullah ibn Umar und Asim ibn Umar haben keinen solchen Titel erhalten. Auch keiner der Brüder von Zaynab bint Jahsch, die gar eine Cousine des Propheten war,  wurde der Beiname „Onkel der Gläubigen“ gegeben.

Der Gründer der sunnitischen Rechtsschule der Schafiiten, Muhammad bin Idris asch-Schafii hat die Falschheit jener Vorgehensweise durch folgende Aussage zusammengefasst:

قال الشافعي رضي الله عنه : تزوج الزبير أسماء بنت أبي بكر الصديق وهي أخت عائشة ولم يقل هي خالة المؤمنين

„Az-Zubair heiratete Asma bint Abi Bakr Siddiq und sie ist die Schwester von Aischa. Und er hat sie nicht als „Tante der Gläubigen“ bezeichnet.“

(Tafsir Qurtubi Band 14, S. 126)*

Aber selbst wenn man die Basislosigkeit des Ursprungs jenes Titels beiseite legt, so gibt es auch keine emotionale Berechtigung Muawiya nachträglich einen solchen Titel zu geben. Es ist allgemein bekannt, dass Muawiya gegen das rechtmäßige Kalifat des Befehlshabers der Gläubigen Imam Ali (a.) opponierte und den Tod von zigtausenden Muslimen durch seine angezettelten Kriege zu verantworten hat. Es gibt noch zahlreiche weitere Ungerechtigkeiten seitens Muawiya, dessen Erwähnung diesen Rahmen hier sprengen würde und Bücher füllen könnte. Aber das bereits Erwähnte sollte ausreichen, um aufzuzeigen, dass der Titel „Onkel der Gläubigen“ keinerlei Grundlage hat.

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