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Hauptsache Schiite!?

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Autor: Bruder Sajjad

Es ist ein Gedanke, der leider stark verbreitet ist. Früher hieß er „stolzer Türke/Araber/Iraner“, mutierte dann zu „Alhamdulillah Muslim“ und ist nun zu einem „Hauptsache Schiite“ geworden. Eine Denkweise, bei der eine große Portion Überlegenheitsgefühl mitschwingt, eine veraltete Idee, die mit allen Mitteln ums Überleben kämpft. Das Ganze äußert sich manchmal durch überdimensionierte Dhulfiqar*-Anhänger, die stolz an der Kette getragen werden. Anderen geht das nicht weit genug; da wird das Bekenntnis schon mal auf den gesamten Rücken oder die trainierte Brust tätowiert. Schließlich soll jeder in der Umkleidekabine vom Fitnessstudio erkennen: Ihr habt es hier mit einem Schiiten zu tun.

Aber das Thema beschränkt sich nicht nur auf Muckibuden; selbst in einigen Jugendbanden ist der „Hauptsache-Schiite“-Gedanke zu einem beherrschenden Thema geworden. Konnte sich der talentierte Kriminelle früher darauf verlassen, bei Seinesgleichen mit offenen Armen empfangen zu werden, muss er heute vorher offenlegen, dass er zur richtigen Konfession gehört. Schließlich will man seine Schlägereien und Überfälle mit jemandem begehen, mit dem man später, trotz aller Verbrechen und Untaten, gemeinsam das Paradies betreten kann.

Zugegeben, ihr habt mich erwischt, die Beispiele sind ein wenig überspitzt, allerdings auch nicht komplett aus den Fingern gesogen. Sie sollen dabei helfen, den Kern der Problematik zu verdeutlichen, die Geschwister auf die richtige Fährte zu locken. Denn einige Muslime denken tatsächlich, dass es ausreichte, namentlich der richtigen Richtung anzugehören, und man würde, egal wie man sich verhalten hätte, an den Pforten des Himmels von freudigen Engeln empfangen. So soll es gar Muslime geben, die betrunken um die wahre Rechtsschule gestritten haben.

Was in Bezug auf die Jugendbanden wie ein überspitztes Beispiel erscheint, ist in Bezug auf Moscheevereine leider eine traurige Realität. Es herrscht der Grundsatz, dass man mit allen Vereinen der eigenen Konfession kooperieren müsse, auch wenn sie vollkommen unterschiedliche Ideale befolgen und vor allem grundsätzlich andere Wege in der Umsetzung bevorzugen. Es heißt sogar, man solle auch dann mit den vermeintlich Gleichgesinnten zusammenarbeiten, wenn diese es beispielsweise für religiös legitimiert betrachten, Andersdenkende mit Schimpfwörtern zu belegen oder extremistische Gesinnungen zu propagieren.

Auf der anderen Seite gibt es zwar sehr viele Veranstaltungen und Sitzungen des interreligiösen Dialogs (was definitiv zu befürworten ist), aber kaum Versuche, die intrareligiösen Beziehungen zu vertiefen. Machen wir uns in dieser Angelegenheit nichts vor; Fakt ist, dass aktuell kaum noch Schiiten sunnitische Moscheen besuchen und umgekehrt. Dieser Umstand wird durch zwielichtige Gestalten begünstigt, die in einigen, sowohl schiitischen als auch sunnitischen, Moscheen die Kanzel besteigen. Sie hasspredigen, (je nach eigener islamischer Richtung), dass man sich von den Schiiten/Sunniten fernzuhalten habe, da diese Feinde und ohnehin Bewohner des Höllenfeuers seien. Sie nutzen diesen satanischen Wunsch nach Überlegenheit aus, der das menschliche Ego beflügelt, und trichtern ihren Zuhörern darauf basierend den „Hauptsache Schiite/Sunnite“-Gedanken ein. Wenn wir hier nicht aufpassen, könnte bald eine ganze Generation entstehen, deren Weltbild auf eine derart beschränkte Denkweise basiert.

Diese Denkweise ist deswegen beschränkt, weil die allermeisten Menschen lediglich der Konfession folgen, in die sie ohnehin hineingeboren worden sind. Seien sie Sunniten oder Schiiten. Derselbe Südlibanese, der nun Schiite ist, wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Sunnite, wäre er in Marokko geboren; und umgekehrt wäre es genauso. Zudem ist es absurd anzunehmen, dass ein schwerkrimineller Schiite automatisch besser sei als ein gläubiger und frommer Sunnite (oder umgekehrt); ein Gedanke, der leider unter Extremisten beider Richtungen gehasspredigt wird.

Genau dieser Gedanke ist es wiederum, der von Imam Zayn-ul-Abidin (a.) als schädlicher Fanatismus zurückgewiesen worden ist. Er sprach: Der Fanatismus, durch den man Sünde auf sich lädt, ist, dass man die Schlechten seiner eigenen Leute für besser als die Guten der Leute anderer Gruppen erachtet.“ **

Wie übel der Fanatismus tatsächlich ist, wird in einer Überlieferung des Gesandten Allahs (s.) deutlich, die sowohl in sunnitischen als auch schiitischen Quellen verzeichnet worden ist: „Es gehört nicht zu uns, wer zum Fanatismus einlädt, und es gehört nicht zu uns, wer auf dem Wege des Fanatismus kämpft (tötet); und es gehört nicht zu uns, der im Zustand des Fanatismus stirbt.“ ***

Es ist also an der Zeit, ein derartiges Verständnis vom Islam zu überdenken. Auch wenn es zugegebenermaßen einfach und verführerisch erscheint; es ist nicht richtig, nur die eigene Gruppe als erleuchtet und alle anderen Menschen als verloren zu betrachten. Dies ist eine verstaubte Denkweise, die wir überwinden sollten, damit wir nicht länger stehenbleiben. Wir müssen endlich begreifen: Solange wir uns derart verschließen, bleibt auch uns vieles verschlossen. Das ist eine logische Konsequenz dieser Verfahrensweise.

Deshalb sollten wir nun beginnen und neue Strukturen schaffen, in denen nicht ausschließlich konfessionelle Grenzen als Maßstab genommen werden. Denn die allermeisten schiitischen und sunnitischen Moscheen und Menschen sind einander in den meisten Dingen weitaus näher, als die extremistische Version der jeweils eigenen Denkschule. Es könnten ungeahnte Potentiale für den Islam in Deutschland entstehen, wenn sich die Moscheevereine und Muslime füreinander öffnen würden. Sie könnten unzählige Probleme besser angehen, die bisher kaum zugänglich waren, hätten eine gemeinsame Stimme, gemeinsame Ziele, gemeinsame Projekte. Dies alles unter Beibehaltung und Berücksichtigung der konfessionellen Vielfalt, so dass der Sunnite Sunnite bleibt und der Schiite Schiit.

Vielleicht wird es eine Weile dauern, bis wir dieses Ziel erreichen, viele Mühen kosten, bis wir es endlich schaffen. Aber wenn wir dahin gekommen sind, wird es umso schöner sein, wenn wir es erlangen, umso erhabener. Denn dann wird niemand mehr sagen „Hauptsache Schiite“ oder „Hauptsache Sunnite“; sondern es wird dann heißen: „Hauptsache gottesfürchtig!“

Euer Bruder Sajjad

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Anmerkungen

* Ein Schwert mit zwei Klingen, das dem ersten Imam der Schiiten und vierten historischen Kalifen der Muslime Imam Ali (a.) gehörte.

** (Al Kafi, Band 1, S. 308).

*** (Bihar ul Anwar, Band 31, S. 40; Sunan Abu Dawud, Hadithnr. 5121 (im Kapitel über Fanatismus)).

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