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Ein Sühne-Gebet des letzten Freitags?

In Alle Artikel, Wissenschaftliches by gdm

Autor: Ali Taleb

Im Namen Allahs

Es kursiert im Internet und in vielen Foren die Empfehlung, ein Gebet zu verrichten, das eine Sühne für alle versäumten Gebete sein soll. Dieses Gebet soll am letzten Freitag des heiligen Monates Ramadan verrichtet werden.

Auch wenn wir den heiligen Monat nun hinter uns gelassen haben, so ist dieses Thema dennoch wichtig, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.

1. Was hat es mit diesem Gebet auf sich?
Grundlage dieser weit verbreiteten Empfehlung, die immer wieder am letzten Freitag des heiligen Monates angestoßen wird, ist ein angeblicher Hadith, in dem der Prophet (s.a) sinngemäß gesagt haben soll:
„Wer dieses Gebet verrichtet und dieses Dua rezitiert, der hat eine Sühne (für die versäumten Gebete) von 400 Jahren entrichtet“.
Imam Ali (a.s) soll gesagt haben:
„O Gesandter Allahs ganze 400 Jahre?“
Der Gesandte Allahs (s.a) soll erwidert haben:
„Sogar die Sühne von 1000 Jahren“.
Es kam angeblich die Antwort:
„O Gesandter Allahs; der Sohn Adams lebt ja ca. 60-70 Jahre, wem soll also der Rest gelten?“
Er soll dann gesagt haben:
„Es gilt seinen Eltern, seiner Frauen, seinen Kindern, seinen Verwandten und den Bewohnern der Städte.“
Im Anschluss an diesem „Dialog“ wird das Gebet erklärt und ebenso das Bittgebet (Dua) dazu. Hierauf werde ich hier nicht eingehen, da es nicht im Sinne dieses Artikels ist.

2. Woher stammt denn dieser Hadith?
a. An erster Stelle sollten wir wissen, dass dieser Hadith nicht in den Primärquellen der schiitischen Hadith-Bücher (Al-Kafi, Al-Istibsar, At-Tahdhib, Man La Yahduru Al-Faqih etc.) vorkommt. Aber mehr noch ist es so, dass auch keine einzige der zahlreichen Sekundärquellen diesen Hadith enthält . Keiner der bekannten Hadith-Bücher, die unter den Schiiten oder gar Sunniten als authentisch gelten, führen diesen Hadith auf.
b. Die einzige Quelle, die für diese Überlieferung angegeben werden kann, bzw. uns bekannt ist, ist das Buch „An-Namariq Al-Fakhira Ila Turuq Al-Achira“ von einem husseinitischen Prediger namens Sayyed Muhammad Saleh Al-Adnani Al-Musawi Al-Bahrani, der vor kurzem verstorben ist und auch von manchen als Gelehrter bezeichnet wird.
c. Solch ein Hadith ist nach den Regeln der Hadith-Wissenschaft nicht authentisch. Man kann ihn nicht mal Hadith nennen. Es ist eher eine Behauptung, die keinerlei Grundlage hat.
d. Es gibt eine fast verschwindend geringe Möglichkeit, dass der Autor des Buches irgendeine unbekannte alte und authentische Quelle gefunden hat, die kein anderer außer er selbst gefunden hat und diesen Hadith daraus zitiert hat. Ob das in seinem Buch gekennzeichnet ist, ist uns unklar, da dieses Buch uns nicht verfügbar ist.

3. Wenn es so ist, warum schlagen wir diesen Hadith nicht gegen die Wand?
– Das kann man eigentlich machen. Es kann lediglich eingewandt werden, dass wir hier die Regel der Auflockerung der Sunan-Belege anwenden können. Diese besagt, dass man bei erwünschten Taten keine autenthischen Belege benötigt. Mit anderen Worten: Wir können unsere Qualitätskriterien bei der Überprüfung der Überlieferungskette auflockern, wenn diese von einem erwünschten Urteil sprechen. Diese Regel kann aus mehreren authentischen Hadithen hergeleitet werden. Auf arabisch nennt sich die Regel „At-Tasamuh Fi Adilat-is-Sunnan“.

4. Können wir diese Regel wirklich hier anwenden?
Die Gelehrten waren sich  diesbezüglich uneinig. Denn einige sagen, dass die Überlieferung auf die Zeit der Imame zurückführbar sein sollte, damit man darauf diese Auflockerung anwenden kann. Andere verallgemeinern die Regel zwar auf jegliche Überlieferung, auch auf jene, die nicht bis zur Zeit der Imame zurückverfolgbar sind, jedoch unter der Voraussetzung, dass die Überlieferung nicht unter dem starken Verdacht der Verfälschung steht.

Im Falle der vorliegenden Überlieferung bzgl. des Sühne-Gebets haben wir es jedoch mit einer Überlieferung zu tun, die in einem Buch aus dem 20. oder vllt 21. Jahrhundert aufgeführt wurde und ohne Angabe einer Überlieferungskette zitiert wird.

Und wenn das Arabische genauer betrachtet wird, so ist die arabische Formulierung stellenweise nicht eines Imams würdig. Und das zitierte Dua (was wir hier nicht erwähnt haben) stellenweise schwach. Klar kann man sagen, dass dieses sinngemäß übertragen wurde, aber ein Vergleich mit anderen Überlieferungen und die fehlenden Spuren in den anerkannten Hadith-Quellen stiften klarer Verdacht auf Verfälschung. Aus diesem Grund und aufgrund der Wichtigkeit der Aussage dieser Überlieferung und der Sensibilität der Rolle des Gebets im Leben des Muslims, sollte diese Überlieferung zurückgewiesen werden, bis das Gegenteil bewiesen wird.

5. Wenn die Überlieferung authentisch sein sollte, was wäre die Konsequenz?
Die Überlieferung ist nicht authentisch. Aber nehmen wir rein hypothetisch an, dass all das Erwähnte nicht stimmt und dass diese Überlieferung entweder religionsrechtlich relevant oder zulässig ist. Sie kann trotzdem nicht bedeuten, dass dieses angebliche Gebet alle verpassten Gebete tilgt, so dass man diese nicht mehr nachholen muss. Es herrscht nämlich ein Konsens unter den Gelehrten der Ahlulbait (a.s), dass man alle verpassten Gebete nachholen muss und dass diese unter keinen Umständen entfallen. Die Imame (a.s) haben oft genug und deutlich genug betont, dass die verpassten Gebete nachgeholt werden müssen. Ein berühmter Hadith in dieser Hinsicht besagt sinngemäß: „Hole das nach, was du verpasst hast so, wie du es verpasst hast“. Daher muss diese Überlieferung so verstanden werden, dass sie die Vergebung der Sünde meint, ohne dass die Pflicht diese nachzuholen entfällt. Ganz ähnlich zur Sühne des absichtlich gebrochenen Fastens im heiligen Monat Ramadan. Diese ist die Speisung von 60 Armen oder das Fasten von 60 Tage hintereinander (31 lückenlos). Doch wer diese Sühne entrichtet oder verrichtet, muss dennoch den verpassten Tag nachholen und so wäre es in unserem Fall.

Aber wie gesagt, man sollte keine große Hoffnung in dieses Gerücht, das Hadith genannt wird, stecken und diesem Gerücht sollte auch keine große Beachtung geschenkt werden. Die beste Art und Weise, wie man die verpassten Gebete sühnt, ist zu bereuen, gute Werke zu verrichten, freiwillige Spende zu leisten und an erster Stelle die verpassten Gebete nachzuholen.

Möge Allah euer Fasten angenommen haben und gesegnetes Fastenbrechenfest
Wassalam
Ali Taleb

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