Die Jahrhundertaufgabe

Die Jahrhundertaufgabe

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Autor: Bruder Sajjad

Vor den Augen die geröteten Brüste, elektrisierten Blicke, der Ausdruck von kurzzeitiger Befriedigung. Es geht um Traditionen, es geht um Kultur, um Vorväter, ein Gefühl von gestern, ein Hauch von orientalischem Dampfbad, der durch schwitzende nackte Oberkörper erweckt wird. Die Lichter tanzen, sie hüpfen im Kreis, Performance, Ritus, Kult. Für all dies wurden Zelte errichtet, überall im Lande, so sehr es geht. Damit sie gefüllt werden, kommen die talentiertesten Flötenspieler, von jedem Orte, und spielen jene Lieder, mit denen man die Menge am besten lockt. Es gibt riesige Töpfe, leckerste Gerichte, Speise umsonst. Dort, wo sie die Wilden nicht vertreiben können, haben sie genug übrig, um das Wilde hier zu fördern. Es werden die schönsten Bilder geschossen, Beweise gesammelt, dass man die Art von dort auch woanders beleben konnte, die Handlungen von damals in der heutigen Zeit. Kein Fragen, kein Nachdenken, es muss so gemacht werden, wie man es kennt und kannte. Wie am elften Elften um elf Uhr elf, nur dass hier alle dasselbe Kostüm tragen, nur geringe Abweichung in Farbe und Schnitt. So ist der Raum erfüllt von Schall und Rauch, ist aber leer von Geist. 

Die Liturgie wird schließlich in der Nacht vollendet, man kommt ohne Zeugnisse aus, es wird nur verbal überliefert, mündlich geprahlt. Nur die Kühnsten und Tapfersten sind dabei, malen ihre Abzeichen auf Kopf und Rücken, wie ihre Vorbilder aus dem Lande Babylon. So soll in diesen Zelten eine Generation erzogen werden, die sich mit der Schale zufriedengibt, den Kern nicht sucht. Eine Generation, die das Innere schmäht, in verbohrter Manier jene beschimpft, die von der Hülle nicht befriedigt, von Ritus und Kultus nicht gesättigt werden. Eine Jugend, die sich wie die Vergangenen verhält und nicht gemäß der Zeit; die die Fehler der Vorherigen wiederholt, statt eine neue Ära einzuleiten. Es wird mit ihren Sehnsüchten gespielt, ihr vitaler Eifer ausgenutzt, ihr Potential vergeudet, wird zu Dampf, verpufft im Raum. 

Hierbei gilt das, was bei den meisten Dingen gültig ist: Je mehr die geistigen Babylonier sich mühen, umso mehr junge Menschen verirren sich in ihre Zelte; und diese sind nur ein Vorhof zur Wüste, wer sich in sie verrennt, der kommt nur schwer wieder raus. Wie viele haben wir denn so nur verloren, wie viele sind im Treibsand versunken. Nun sieht man auf ihren Gesichtern die Spuren von jahrelanger Übung in Abscheu, erkennt die Zeichen von stetem Groll gegen die meisten. Welch schmerzhafter Anblick, sie so zu erblicken; vor allem dann, wenn man sie ganz anders kannte. 

Wer jetzt die Hoffnung hegt, sie würden sich einst ändern, die Zeltmacher mit ihren Zelten, der täuscht sich sehr, denn diese Karawane ist weit über tausend Jahre alt, existiert um existiert zu haben. Leere Worte sind ihre Spezialität, begleitet von wertlosen Tränen, verspätete Reue ihr Markenzeichen. Nur im Rausch können sie sich noch selbst ertragen, sind zum Opium fürs Volk geworden, haben ein Kollektiv von Süchtigen, einen Radius von Gefährdeten erschaffen. 

Es ist nun an der Zeit, endlich zu erwachen, die Fata Morganen zu benennen, so dass sich niemand mehr dorthin verläuft, der sich nur nach einer Oase sehnt. Damit vielleicht auch jene erkennen, die sich bereits im Garten wähnen, jene verstehen, die glauben, über den berühmten Löffel der Wahrheit zu verfügen. Die Devise ist hierbei Erziehung und nicht Bekehrung, eine Jahrhundertaufgabe, bei der es nicht um das Füllen von Zelten, sondern um Entfaltung von Menschen geht. Und wer hierbei auch nur eine einzige Seele erzieht, ist so, als hätte er die gesamte Menschheit erzogen; und dies ist doch wahrlich eine Aufgabe, für die es sich zu mühen lohnt.

Euer Bruder Sajjad

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