paradies

Bekenntnis zur Schia: Ein Freischein ins Paradies?

In Alle Artikel by Ali Taleb

Autor: Ali Taleb

Im Namen Allahs

Für jeden Standpunkt gibt es ein „ethisches“ Gutachten, das ihn rechtfertigt oder gar gutheißt. Zweifellos auch bei der Beantwortung der Frage, ob das Bekenntnis zur Schia ein Freischein ins Paradies ist. In diesem Text soll die Antwort auf diese Frage eher skizziert als bis ins kleinste Detail verfolgt werden. Nachforschungen möge der interessierte Leser, z.B. mit diesem Text als Vorlage, betreiben. Der Text wird sich hauptsächlich von koranischen Prinzipien und Maximen führen lassen.

Der heilige Koran ist ein Buch der göttlichen Führung. All seine Verse verfolgen das Ziel, dem Menschen den rechten Weg zu weisen. Hierbei besteht ein Großteil des edlen Buches aus Erzählungen und Gleichnissen, die die Realisierung dieses Ziels bewusst und weise erstreben. Eine der koranischen Techniken, die oft zum Einsatz kommt, ist in diesem Zusammenhang die bewertende Beschreibung des Verhaltens früherer Völker und Gruppen. Dabei wird ein besonderer Wert auf die Beleuchtung und Bearbeitung der wichtigsten Fehler, die unsere Vorfahren begangen haben, gelegt. Umso bedauerlicher ist es, dass ein Teil der Muslime wissentlich oder unwissentlich diese essentiellen Erzählungen als eine Zusammenstellung von schönen Anekdoten oder bestenfalls als eine Kritik an „Nichtmuslimen“ im allgemeinen Sinne wahrnehmen. Solche Denkstrukturen erziehen den Menschen zu einem gelebten Doppelstandard, der aus der Befürwortung der Kritik an andere auf der einen Seite und der fehlenden Selbstkritik auf der anderen Seite, besteht.

Es wird ausgeblendet, dass in diesen Geschichten eine indirekte Botschaft und Warnung an den Leser, den eigentlichen Adressaten, gesendet wird. Dies ist so wichtig, dass wir das ohne Übertreibung als einer der Gründe anführen können, warum in weiten Teilen der islamischen Welt erfolgreiche interne Reformen von praktizierenden Muslimen ausbleiben. Aber auch theologisch sind solche Denkstrukturen absurd, denn Gott tadelt Menschen nicht aus Selbstzweck oder weil Er sich etwa beschweren will. Er ist in Seinem Wesen erhabener, als dass Er aus Rache handelte. Vielmehr will Er, dass die Leser und Hörer Seiner Worte gewarnt seien und nicht in dieselben Fallen der früheren Völker tappten.

Spricht der Koran über jene Menschen, die mit der Tora so umgehen wie ein Esel, der Bücher transportiert [62:5], dann müssten sich Muslime auch persönlich angesprochen fühlen. Denn ein Jude, der Moses (a.s) alleine lässt, ist nicht schlechter als ein Muslim, der seinen Gesandten (s.a) im Stich lässt. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Sure 62 mit einem Tadel an Muslime endet, die dem Handel und der Unterhaltung eine höhere Priorität als dem Zusammensein mit dem Gesandten Allahs (s.a) im Gottesdienst geben.

Weist der Koran Christen und Juden aufgrund konkreter Fehler zurecht, wähnen sich Muslime in Sicherheit, als wären sie davor gefeit, diese oder ähnliche Fehler zu begehen. Spätestens da muss deutlich werden, dass wir es mit einem strukturellen Denkproblem zu tun haben, das auch in seinem Kern wiederum ein Aqida*-Problem darstellt. Ein Problem, das nicht weniger als das Verständnis des göttlichen Wesens betrifft. Denn Allah ist der Gerechte, der nicht gezeugt hat. Das sind zwei Eigenschaften, die mit Sicherheit dem Gedanken der willkürlichen Auserwähltheit eines Volkes zuwiderlaufen.

Einer der edlen Verse, die diese Tatsache widerspiegeln, ist der folgende aus der Sure Al-Imran:

Die Juden und die Christen sagen: „Wir sind die Söhne Allahs und Seine Lieblinge.“ Sprich: „Warum bestraft Er euch dann für eure Sünden? Nein, ihr seid (bloß) Menschenkinder unter denen, die Er schuf.“ Er vergibt, wem Er will, und Er straft, wen Er will. Allahs ist das Königreich der Himmel und der Erde und was zwischen beiden ist, und zu Ihm ist die Heimkehr. [5:18]

Adressaten dieses heiligen Verses sind Juden und Christen. Der Gegenstand der Offenbarung ist eine Behauptung, die Juden und Christen aufstellen. Sie lautet: „Wir sind die Lieblinge Allahs.“ Worauf ist diese beanspruchte besondere Stellung zurückzuführen? Scheinbar auf das reine Bekenntnis zum jeweiligen „Volk“. Deshalb liebe sie Allah und behandle sie in einer besonders barmherzigen Weise. Meinten aber die Juden und Christen wirklich die Zugehörigkeit? Die Antwort liefert der nächste Ausschnitt: „Warum bestraft Er euch dann für eure Sünden?“ Wenn die reine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion aus den Mitgliedern dieser Religion Lieblinge Gottes machte, dann müssten sie entweder von Sünden verschont bleiben oder wenn sie Sünden begingen, müssten sie vor deren Konsequenzen verschont bleiben.

Doch der Koran bestätigt mit einer rhetorischen Frage zwei Dinge: Zum einen, dass sie Sünden begehen, und zum anderen, dass sie die entsprechende Strafe für ihre Sünden erhalten und somit die Konsequenzen tragen. Dadurch wird ihre Behauptung widerlegt. Doch das ist auch eine Widerlegung, die auf alle ähnlichen Denkmuster passt, von wem auch immer sie vertreten wird. Hätten Christen und Juden Taqwa* als Grundlage ihrer Behauptung angeführt, hätte Gott den oben genannten Einwand nicht erhoben. Denn ihre Behauptung stünde dann in völliger Übereinstimmung mit dem heiligen Vers: „O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennenlernen möget. Wahrlich, der Angesehenste von euch vor Allah ist, wer von euch die höhere Stufe der Taqwa innehat. Siehe, Allah ist allwissend, allem kundig.“ [49:13]

Dieser Vers verdeutlicht, dass das Ansehen bei Allah und somit die Liebe Allahs nur durch Taqwa erreicht werden kann. Hierzu gibt es einen unterstützenden Hadith:

[…] Imam Baqir (a.s) sagte: “O Jaber, lass dich nicht durch die (falschen) Denkmuster mitreißen. Begnügt sich ein Mann damit, zu sagen: “Ich liebe Ali und nehme ihn als Wali”, ohne dass er das mit Taten beweist? Selbst wenn er sagt: “Ich liebe Rasulullah (s.a.)” – denn Rasulullah ist besser als Ali (a.s) – und dann seinem Weg nicht folgt und nicht gemäß seiner Sunnah handelt, so wird ihm seine Liebe nichts nützen. So fürchtet Allah und strebt nach dem, was bei Allah ist. Es besteht zwischen Allah und Niemanden eine Verwandtschaft. Der Liebste bei Allah, allmächtig und würdig wie Er ist, und der Edelste bei Ihm ist, wer die höheren Stufen der Taqwa innehat und wer Ihm am meisten gehorcht. O Jaber, bei Allah, die Nähe Allahs, heilig und erhaben wie Er ist, kann mit nichts erstrebt werden, außer mit Gehorsam. Wir haben keinen Freischein, der einen Eintritt in das Paradies gewährt und niemand hat einen Beweis gegen Allah. Wer Allah gehorcht, ist uns ein Freund, und wer Allah nicht gehorcht, ist uns ein Feind. Unsere Wilayah kann nicht erreicht werden, außer durch Taten und Gottesfurcht.”***

Hier weist der Imam (a.s) auf genau dieses Denkmuster hin, das zu ernsthaften Aqida-Problemen führen kann. Er führt eine intakte und schöne Argumentation vor, die als direkte Widerlegung dieses falschen Verständnisses gilt. Ein Verständnis, das in schiitischen Kreisen kursiert und sich aus nicht authentischen oder falsch verstandenen Einzelüberlieferungen speist. Stellvertretend für all diese Überlieferungen kann die folgende deutliche Botschaft als Beispiel genannt werden „Die Liebe zu Ali ist eine gute Tat, bei der keine schlechte Tat einen Schaden anrichten kann.“****. Nach einer überspitzenden kontextfreien Interpretation bräuchte der Sünder, der Imam Ali (a.s) liebt, keine Furcht vor der Hölle zu haben. Die Liebe zum Imam scheint derart gewichtig, dass jede andere schlechte Tat verschwindend gering erscheint und demnach keinen Schaden anrichten könnte. Ein Pauschalurteil, das einem Freischein gleichkommt. Scheinbar also ja: Die Schiiten sind Lieblinge Allahs.

Doch Allah sagt diesbezüglich in einem noch deutlicheren Vers:

Es wird nicht gehen nach euren Wünschen noch nach den Wünschen des Volkes der Schrift. Wer Böses tut, dem wird es vergolten werden; und er wird für sich weder Freund noch Helfer finden außer Allah. [4:123]

Die Aussage ist die: Sage nicht, der Fürst der Gläubigen (a.s) werde dir helfen, der Gesandte Allahs (s.a.) werde dir helfen etc. Du hast am Tage des jüngsten Gerichts weder einen Helfer noch einen Freund, wenn Du die Voraussetzungen nicht erfüllst. Insbesondere würde Dir die Fürsprache auch nichts nützen.

Des Weiteren weist Allah eine weitere Behauptung der Juden und Christen zurück: „Und sie sprechen: Keiner soll je in den Himmel eingehen, er sei denn ein Jude oder ein Christ.” Solches sind ihre eitlen Wünsche. Sprich: “Bringt her euren Beweis, wenn ihr wahrhaftig seid.“ [2:111] „Nein, wer sich gänzlich Allah unterwirft und Gutes tut, ihm wird sein Lohn bei seinem Herrn zuteil sein. Keine Furcht soll auf solche kommen, noch sollen sie trauern.“ [2:112]

Hier werden Denkmuster korrigiert und objektive Kriterien zur Verfügung gestellt: Die Hingabe zu Gott und das Verrichten guter Taten. Eine grobe Zusammenfassung der Voraussetzung für eine gute Erkenntnis, die mit einer Läuterung der Seele einhergeht. Es scheint so, als würde der Koran stets die Gefahr der Oberflächlichkeit bekämpfen und die Menschen davor warnen, sich auf Namen und Zugehörigkeiten zu verlassen und sie dazu aufrufen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das sie zu Allah führt.

Sind nun Schiiten die Lieblinge Allahs? Wenn mit Schiiten die reine Zugehörigkeit zum „Schiitentum“ gemeint ist, dann ist man dadurch, wie bereits festgestellt, kein Liebling Allahs. Auf jeden Menschen trifft zu, dass er die Nähe Allahs, außer durch Glaube und gute Werke, nicht erreichen kann. Doch mit Taqwa kann man zu einem Liebling Allahs auf Zeit werden. Und die Zeit reicht so lange, wie man die Taqwa in seinem Leben auch walten lässt. Erst nach dem Tod kann man auf ewig zu einem Liebling Allahs erhoben werden.

Doch wie manifestiert sich die Taqwa, die uns die göttliche Liebe gewährt? Hierzu macht der Koran ganz klar Aussagen. Taqwa manifestiert sich durch Wohltätigkeiten [2:195], Vertrauen auf Gott [3:159], Geduld [3:146], Befolgung des Propheten [3:31], Gerechtigkeit [5:42], Anstrengung in der Läuterung der Seele [2:222] und einiges mehr. Aber auch durch Entfernung von Übertretung [2:190], Hochmut [4:36], Prahlerei [31:18], Verrat [8:58] und einigem mehr.

Das Beherzigen der Tugenden und die Entfernung von verwerflichen Eigenschaften führt laut diesen und zahlreichen anderen Verse zur göttlichen Liebe. Wenn Allah uns also die Tugenden, die uns Seine Liebe gewähren, und die Sünden, die uns Seine Liebe verwehren, offenbart, kann hier für keinen Menschen, für keinen Muslim und auch für keinen Schiiten eine Ausnahme gemacht werden. Denn mit diesen Worten erklärt uns Allah Sein Wesen. Er ist nicht wie wir Menschen. Wenn er jemanden aufgrund einer Eigenschaft liebt, liebt Er ihn immer, solange dieser die Eigenschaft hat, und wenn Er jemanden aufgrund einer Eigenschaft nicht liebt, dann liebt Er ihn solange nicht, bis er sich von dieser Eigenschaft löst.

Der Grund hierfür ist, dass die Ursachen der göttlichen Liebe sich nicht ändern, denn sonst würde sich Gott selbst ändern, was ein Zeichen von Schwäche und Unwissen wäre. Schwäche und Unwissen dürfen Gott, theologisch gesehen, nicht zugeschrieben werden. Aufgrund dieses theologischen Postulats müssen Hadithe wie „Die Liebe zu Ali ist eine gute Tat, bei der keine schlechte Tat einen Schaden anrichten kann“ im Lichte der über sie waltenden theologischen Wahrheit neu interpretiert oder zurückgewiesen werden. Eine mögliche Neuinterpretation könnte lauten: Damit ist die wahre Liebe gemeint, die zur Befolgung des Geliebten führt. Diese schützt dann den Menschen vor den kleinen Rückfällen, die er auf diesem Weg erleidet. Auch andere Interpretationen sind möglich, die der interessierte Leser erforschen kann und sollte.

Der Koran spricht also zusammenfassend eine eindeutige harmonische Sprache. Er koppelt Glaube und Bekenntnisse an gute Werke und Leistungen. Dies kann man in vielen Versen beobachten, von denen in diesem Artikel exemplarisch einige genannt wurden. Auch wurde deutlich, wie der Gedanke der willkürlichen Auserwähltheit sogar die Tauhid-Überzeugung eines Schiiten gefährdet, weil er sein Gottesbild stark verzerrt, Mittel und Ziel vertauscht und den Kern der prophetischen Botschaft aushöhlt.


* Aqida steht im Arabischen für (religiöse) Überzeugung.

** Taqwa Gottesfurcht nach dem islamischen Konzept.

*** Amali von Scheich Tūsi (r.a.) (Mitschriften seiner Schüler), 48. Sitzung.

**** Janabi' Al-Mawwada, Al Qunduzi, Teil 1, Seite 270.

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