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„Allah nimmt, Allah gibt“ – Erfahrungsbericht einer Mutter

In Spirituelles by gdm

Autorin: Anonym

Im Namen Allahs

… Und nach ungefähr zwei Jahren kam er endlich zur Welt, unser Glück war einfach unbeschreiblich… Wir suchten uns einen Namen aus. Wir nannten ihn Ali.

Er entwickelte sich prächtig, bis zu seinem elften Lebensmonat. Doch plötzlich fiel uns auf, dass er von Tag zu Tag immer blasser wurde. Er konnte seine Nahrung nicht bei sich behalten, sein Fieber wollte einfach nicht sinken. Wir machten uns Sorgen. Große Sorgen. Aber selbst in unseren schlimmsten Alpträumen malten wir uns nicht aus, was noch auf uns zukommen würde…

Es war der 28.10.1998. Was für ein Tag. Vor genau einem Jahr war mein Vater an einem Herzinfarkt gestorben. Ich war zu jenem Zeitpunkt in Deutschland, und konnte nicht einmal Abschied von ihm nehmen. Ich war noch damit beschäftigt, meine Trauer zu verarbeiten. Ein Jahr danach, nachdem mein Vater gestorben war, sollten wir nun die Ergebnisse bekommen, nachdem unzählige Untersuchungen an Ali vorgenommen worden waren.

Was für eine harte Prüfung!!!

Was für eine schwere Geduldsprobe!!!

An diesem Tag habe ich vieles verloren…

Meine gesamte Lebensfreude kam abhanden…

Mein Lächeln war verschwunden

Alle meine Träume zerplatzten…

Es gab nur zwei Dinge, die mich wie Krücken davor bewahrten, auf den Boden zu fallen: Es sind mein Glaube und mein Vertrauen auf Allah.

Ich war gerade einmal 21 Jahre alt, also eine junge Mutter. Nun musste ich die Diagnose vernehmen, dass mein Erstgeborener, der wichtigste Mensch in meinem Leben, mein kleiner Sohn, der in einer Woche seinen Geburtstag feiern würde, dass er an Blutkrebs erkrankt war. Eine akute Leukämie, die alles auf den Kopf stellt.

Ich habe zu Allah gebetet, ihn angefleht uns beizustehen. Ich sagte Ihm: „O Herr! Du hast uns Ali geschenkt, ich überlasse ihn Dir, gebe ihn in Deine Hände, vertraue auf Deine Gnade, werde mein Schicksal akzeptieren.“ Plötzlich fühlte ich mich stark, hatte Kraft, mich auf den Beinen zu halten, bekam Energie, um mit der Situation umzugehen.

Es verging eine Woche, Ali hatte an jenem Tag Geburtstag. Er bekam nun einen kleinen Port in seine Brust implantiert. Seine Äderchen waren viel zu dünn für die vielen Blutabnahmen und Infusionen.


Dann folgte die erste Chemo; insgesamt waren es sechs Blöcke plus drei Rückenmarkpunktionen. Kortison, Metotrexan und andere Gifte fingen an, durch den kleinen Körper zu fließen.

Die Therapie verlief sehr gut, brachte aber schwere Nebenwirkungen mit sich…

Verdauungsschwierigkeiten, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Blasen im Mund. Ali blieb tapfer, entwickelte sich trotzdem ganz gut, malte sehr gerne. Seine erste Sonne zeichnete er mit 14 Monaten. Er fand Freunde. Die kleine Natalia, die an Blasenkrebs erkrankt ist, Sam-Ming, der ebenfalls Leukämie hat, Lorena, bei der Knochenkrebs diagnostiziert wurde…

Monatelang blieben wir auf Station A5 im Kinderkrankenhaus auf der Amsterdamer Straße. Am schlimmsten war die Punktion, denn danach musste Ali 24 Stunden still auf seinem Rücken liegen. Manchmal musste  man ihn fesseln, um ihn zu schützen. Ich saß die ganze Zeit neben ihm, sang ihm etwas vor, erzählte ihm Geschichten, schaute stundenlang mit ihm Kindersendungen im Fernsehen…

Bald kam der heilige Monat Ramadan, und meine Mutter kam nach Deutschland, und wir begannen gemeinsam zu fasten. Die Sozialarbeiter und Seelsorger kümmerten sich um uns. Ich begann mich im Krankenhaus wohl zu fühlen, so sehr, dass ich anfing, jeden Tag unser Zimmer eigenhändig zu reinigen. Frau Di Mauro, die eigentlich dafür zuständig war, liebte mich dafür, erklärte mich zu einem Ausnahmefall…

Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf, ging in die Küche, machte zwei Cafés au lait. Mit ihnen in der Hand ging ich zu der Krankenschwester, die Nachtdienst hatte, setzte mich zu ihr, unterhielt mich bis zum frühen Morgen mit ihr. Meine Favoritin war hierbei Schwester Karola…

Es vergingen insgesamt fünf Monate, und endlich die erlösende Nachricht: Die Chemotherapie hatte gut angeschlagen und Ali brauchte den sechsten Block nicht mehr. Ja es kam sogar noch besser, denn wir erfuhren, dass wir bald nach Hause dürfen.

Dennoch ein Wermutstropfen: Die Blutwerte waren im Moment zwar sehr gut, aber erst in fünf Jahren konnte von einer Heilung die Rede sein. Darüber machten wir uns aber keine Gedanken.

Wir zogen zurück in unsere Wohnung. Die 60 Quadratmeter unserer Wohnung erschienen mir  hierbei wie ein Palast….

Das Blutbild blieb insgesamt ein Jahr stabil. Gleichzeitig stabilisierte sich auch unser Familienleben. Es kam wieder Alltag auf. Inzwischen war ich sogar wieder schwanger geworden. Es schien mir so, als würde alles gut laufen…

Wir hatten nun April im Jahre 2000, ich bin bereits im vierten Monat schwanger. Die Ärzte entschieden sich nun, den Katheter aus Alis Brust zu entfernen. Ein Routineeingriff. Dauer: Maximal zwanzig Minuten…

Aus den angekündigten 20 Minuten wurden 90. Regina, mein Mann und ich warteten und wurden immer nervöser. Es vergingen weitere dreißig Minuten, bis endlich der Chirurg kam. Er teilte uns mit, dass etwas schiefgelaufen war. Der Katheter war in die Hauptader des Herzens  gerutscht und Ali musste unverzüglich in die Mikrochirurgie gebracht werden.

O Herr! Lass meinen Sohn bitte nicht leiden. Er ist doch noch so schwach, und sein Immunsystem kann so viele Narkosemittel noch nicht vertragen…

Ali musste nun verlegt werden. Ein Krankenwagen eilte zur Uniklinik. Wir mit dem Auto hinterher. Das war die schlimmste Fahrt meines Lebens… Wir kamen an. Gott sei Dank! Der Katheter konnte innerhalb von zehn Minuten entfernt werden. Alles war wieder gut…

Doch es vergingen keine zehn Tage… Die Leukämie war wieder da… diesmal sogar noch aggressiver als beim ersten Mal. Die 80% Heilungschancen waren auf 10% gesunken.

Ali musste schon wieder eine Chemotherapie machen. Eine letzte. Danach sollte eine Knochenmarkimplantation folgen. Das bedeutete wieder Koffer packen. Ganz wichtig war hierbei, Alis Lieblingsspielzeug nicht zu vergessen: Ein gelber Bagger. Nun aber mussten wir raus aus dem 60qm-Palast, zurück auf die Station A5.

Alles begann jetzt von vorne. Jedoch mit einem großen Unterschied. Nicht nur die Leukämie war stärker, sondern auch die Therapie musste mit größerer Intensität durchgeführt werden. So sehr, dass ich wegen meiner Schwangerschaft nicht mit Ali im Zimmer bleiben durfte, wenn er eine Infusion bekam. Das sind starke Schmerzen, wenn man seinen kleinen Jungen in solch einer Situation alleine lassen muss.

Ali veränderte sich, wurde müde, war erschöpft…

Die Blutwerte ließen zu wünschen übrig…

Es waren nun zwei Monate vergangen. Wir hatten Mitte Juni. Die Therapie hatte nicht angeschlagen. Sogar eine Knochenmarktransplantation kam  nicht mehr in Frage… Am 20. Juni verließen wir die Station A5. Der letzte Theraphieabschnitt konnte Zuhause durchgeführt werden:

Morgens 2 Tabletten Morphin

Mittags 2 Tabletten Morphin

Abends 2 Tabletten Morphin

Ali war mittlerweile ganz ruhig geworden, sprach kaum noch. Er begann, ganz langsam Abschied zu nehmen… Ihm war dabei ganz wichtig, seinen gelben Bagger dabei zu haben, den er die ganze Zeit neben seinem Bett vor und zurück rollte.

Ich wurde ruhig und gefasst. Ich ließ allmählich los. Akzeptierte, dass Ali uns bald verlassen würde.

Wir hatten den 6. Juli 2000. Wir waren erst seit knapp zwei Wochen Zuhause. Ich hatte Ali im Arm. Er schlief ganz friedlich ein, und kehrte zu seinem Schöpfer zurück….

Während sein Herz aufhörte zu schlagen, schlug aber in mir das Herz seines Bruders…

Lob sei Allah! Jetzt weiß ich, warum ich ausgerechnet in dieser Zeit schwanger geworden war. Allah warf mich in das Meer des Kummers, gab mir gleichzeitig jedoch einen Rettungsring. Ja, Ahmad war der kleine Engel, der mich gerettet hat. Lediglich die Vorfreude auf seine Geburt hielt mich davon ab, mich selbst aufzugeben…

Es vergingen drei Monate. Noch im selben Jahr kam Ahmad auf die Welt…

Auch wenn ich es war, die Ahmad zum Leben gebracht hat, so war es Ahmad, der mir mein Leben wiederschenkte.

Ja; mein Vertrauen auf Allah wurde mit Ahmad und Hassan belohnt. Gott sei Dank. Alhamdulillah.

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